Mehr Ar­beits­plät­ze schaffen

Mehr Men­schen mit Be­hin­de­rung im Öf­fent­li­chen Dienst beschäftigen

Im Öf­fent­li­chen Dienst des Frei­staats Bay­ern be­trägt im Jahr 2019 der An­teil der Mitarbeiter*innen mit Be­hin­de­rung 5,56 % an al­len Be­schäf­tig­ten. Die­ser An­teil sinkt seit dem Höchst­stand von 5,78 % vor zehn Jah­ren in 2011. Bei den jähr­li­chen Neu­ein­stel­lun­gen und bei den Anwärter*innen und Aus­zu­bil­den­den düm­pelt der An­teil von Men­schen mit Be­hin­de­rung bei plus/minus zwei Pro­zent. So wird die Be­schäf­ti­gungs­quo­te nie steigen.

Schon bei der Vor­stel­lung des Be­schäf­ti­gungs­be­richts 2014 for­der­te die da­ma­li­ge Be­hin­der­ten­be­auf­trag­te Irm­gard Badu­ra „„ei­ne selbst auf­er­leg­te Quo­te“ bei der Be­schäf­ti­gung be­hin­der­ter Men­schen […] und zi­tier­te als Vor­bild die Lan­des­haupt­stadt Mün­chen, die sich bei der Aus­bil­dung von Nach­wuchs­kräf­ten frei­wil­lig ei­ne Quo­te von 6 Pro­zent ver­passt hat“, wor­auf­hin „In der an­schlie­ßen­den Dis­kus­si­on [] Tho­mas Hu­ber (CSU) aus­drück­lich die von Irm­gard Badu­ra ins Ge­spräch ge­brach­te, selbst auf­er­leg­te Quo­te [be­grüß­te].“ (Zi­tiert nach: https://www.bayern.landtag.de/aktuelles/aus-den-ausschuessen/ausschuss-oeffentlicher-dienst-freistaat-als-arbeitgeber-erfuellt-pflichtquote-bei-der-beschaeftigung-von-menschen-mit-behinderung/)

So geht’s seit Jah­ren – jähr­lich nach zu le­sen in den Be­rich­ten in der Ru­brik „Aus den Aus­schüs­sen“ auf der Sei­te des Baye­ri­schen Land­tags. Die Re­gie­rung und ih­re CSU-Frak­ti­on, der­zeit er­wei­tert um die FW-Frak­ti­on, freut sich, dass sie um die Zah­lung der Aus­gleichs­ab­ga­be we­gen zu ge­rin­ger Be­schäf­ti­gung von Men­schen mit Be­hin­de­rung drum rum kommt und macht in ih­rer Saum­se­lig­keit tra­nig wei­ter. Das ge­lingt aber nur, weil al­le Mi­nis­te­ri­en und nach­ge­ord­ne­te Be­hör­den zu­sam­men ad­diert wer­den. Das Kul­tus­mi­nis­te­ri­um liegt seit Jah­ren knapp un­ter, sel­ten knapp über 4 Pro­zent Be­schäf­ti­gungs­an­teil. Klingt erst­mal nicht so dra­ma­tisch. Je­doch: Ers­tens ist das ein Fünf­tel un­ter der Min­dest­quo­te und zwei­tens sind beim Schul­mi­nis­te­ri­um 36 Pro­zent al­ler beim Frei­staat Be­schäf­tig­ten tä­tig. Um über­haupt we­nigs­tens die 5 Pro­zent zu er­rei­chen, muss das Ku­Mi 1054 Men­schen mit Be­hin­de­rung ein­stel­len. Glei­che La­ge beim Mi­nis­te­ri­um für Wis­sen­schaft und Kunst: Eben­falls seit Jah­ren plus/minus 4 Pro­zent, stellt 19 Pro­zent al­ler Be­schäf­tig­ten und muss 446 Men­schen mit Be­hin­de­rung zur Er­fül­lung der Min­dest­quo­te ein­stel­len (je­weils Stand 2019).

Statt das ri­tu­al­mä­ßig zu be­kla­gen, könn­te zu­min­dest ein in­ter­ner Topf in Hö­he der zu zah­len­den Aus­gleichs­ab­ga­be ge­bil­det wer­den, der aus­schließ­lich für die Schaf­fung von Ar­beits­plät­zen für Men­schen mit Be­hin­de­rung in die­sen bei­den Res­sorts ver­wen­det wer­den darf.

Das der po­li­ti­sche Wil­le zum Er­folg führt zeigt das Nach­bar­land Hes­sen – seit zwei Jahr­zehn­ten. Die lan­des­wei­te Be­schäf­ti­gungs­quo­te liegt seit Jah­ren bei plus/minus 7,5 Pro­zent. Ja wie schaf­fen die denn das? Mit ei­ner Selbst­ver­pflich­tung der Lan­des­re­gie­rung – auch po­li­ti­scher Wil­le ge­nannt. Als der Bun­des­ge­setz­ge­ber zum Jahr 2001 die ge­setz­li­che Be­schäf­ti­gungs­quo­te von 6 auf 5 Pro­zent senk­te – der Na­me des Ge­set­zes ist ei­ne so un­nach­ahm­li­che Sprach­ver­dum­mung, dass er ge­nannt wer­den muss: Ge­setz zur Be­kämp­fung der Ar­beits­lo­sig­keit Schwer­be­hin­der­ter – hat die hes­si­sche Lan­des­re­gie­rung (da­mals Mi­nis­ter­prä­si­dent Ro­land Koch, CDU) be­schlos­sen, bei min­des­tens 6 Pro­zent zu blei­ben. Und die­ser Be­schluss hat al­le Re­gie­rungs­wech­sel überlebt.

Um dem baye­ri­schen Still­stand ein En­de zu be­rei­ten, ha­ben wir An­fang De­zem­ber letz­ten Jah­res un­ser An­trag­pa­ket Men­schen mit Be­hin­de­rung im Öf­fent­li­chen Dienst in den Blick neh­men I bis V ein­ge­bracht. Dies wur­de die­se Wo­che im Aus­schuß für Fra­gen des Öf­fent­li­chen Diens­tes be­ra­ten, im An­schluss an den Be­richt über die Be­schäf­ti­gung von schwer­be­hin­der­ten Men­schen beim Frei­staat Bay­ern 2019.

 

An­trag I:  Be­richt über die Be­schäf­ti­gung schwer­be­hin­der­ter Men­schen weiterentwickeln

Die nu­me­ri­sche Be­richt­erstat­tung muss um qua­li­ta­ti­ve Be­stand­tei­le er­wei­tert wer­den. Da­zu ge­hört ins­be­son­de­re die Be­rück­sich­ti­gung des Um­gangs mit psy­chi­schen Be­ein­träch­ti­gun­gen, über de­ren Zu­nah­me der Be­auf­trag­te für Men­schen mit Be­hin­de­run­gen Hol­ger Kie­sel an­schau­lich im Aus­schuss be­rich­tet hat. An sich ei­ne un­strit­ti­ge For­de­rung; auch die Be­richt­erstat­te­rin aus dem Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um, Mi­nis­te­ri­al­rä­tin Dr. Ni­co­le Lang, er­klär­te in der Aus­spra­che, dass sich das Mi­nis­te­ri­um dem „nicht ver­schlie­ßen“ wer­de. Da hat aber nie­mand mit der Blo­cka­de der CSU ge­rech­net: Die Zu­stim­mung wur­de da­von ab­hän­gig ge­macht, dass der Land­tag die Staats­re­gie­rung bit­tet erst­mal zu prü­fen ob der Be­schäf­ti­gungs­be­richt ent­spre­chend wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den kön­ne. Ha­ben wir eben in die­sen sau­ren Ap­fel gebissen.

 

An­trag II: Be­schäf­ti­gungs­quo­te von Men­schen mit Be­hin­de­rung im öf­fent­li­chen Dienst er-höhen

Wir wol­len die Er­hö­hung der Be­schäf­ti­gungs­quo­te um ei­nen Pro­zent­punkt in den nächs­ten fünf Jah­ren auf dann 6,5 % er­rei­chen und be­an­trag­ten ei­ne Selbst­ver­pflich­tung des baye­ri­schen Land­tags auf die­ses Ziel. Da­mit lä­ge der Frei­staat in fünf Jah­ren im­mer noch ei­nen Pro­zent­punkt hin­ter Hes­sen, dass seit mehr als fünf Jah­ren 7,5 % hält. Um die Di­men­si­on zu il­lus­trie­ren: Nach Be­schäf­ti­gungs­stand 2019 ent­spricht ein Pro­zent­punkt der zu­sätz­li­chen Be­schäf­ti­gung von 2857 Men­schen mit Be­hin­de­rung; al­so rund 600 Neu­ein­stel­lun­gen jähr­lich. Zi­tat des ehe­ma­li­gen Wis­sen­schafts­mi­nis­ters Heu­bisch: „Das ist ei­ne ge­wal­ti­ge An­stren­gung.“ Wer’s in sei­ner Amts­zeit noch nicht mal ver­sucht hat mag der Il­lu­si­on Jah­re spä­ter im­mer noch an­hän­gen. Be­kannt­lich hängt die­ses Res­sort mei­len­weit hinterher.
Der An­trag wur­de abgelehnt.

 

An­trag III: Mehr Men­schen mit Be­hin­de­rung im öf­fent­li­chen Dienst des Frei­staa­tes Bay­ern bei den Neu­ein­stel­lun­gen ei­ne Chan­ce geben

Mit die­sem An­trag kä­men wir dem Ziel ei­ner Be­schäf­ti­gungs­quo­te von 6,5 % na­he. Im Haus­halts­ge­setz wird seit vie­len Jah­ren ei­ne Stel­len­sper­re be­schlos­sen, die dann für die Ein­stel­lung schwer­be­hin­der­ter Men­schen vor­be­hal­ten sind. Das sind die so ge­nann­ten 6c-Stel­len (nach der Nu­me­rie­rung der Pa­ra­gra­fen des Haus­halts­ge­set­zes). Wir be­an­tra­gen die Ver­drei­fa­chung auf 600 Stel­len – Kon­se­quenz aus An­trag II. Dar­über­hin­aus wol­len wir die Gleich­ver­tei­lung die­ser Stel­len auf die Res­sorts ent­spre­chend ih­res An­teils an al­len Be­diens­te­ten leicht zu­guns­ten der nach­hin­ken­den Mi­nis­te­ri­en Kul­tus so­wie Wis­sen­schaft ver­än­dern – auf das ein­ein­halb­fa­che – und die dann ver­blei­ben­den Stel­len­sper­ren auf die wei­te­ren zwölf Res­sorts ent­spre­chend ih­res An­teils wie ge­habt verteilen.

Im Aus­schuss für den Öf­fent­li­chen Dienst ist der An­trag ab­ge­lehnt wor­den. Es rei­che, dass in 2018 die Stel­len­sper­ren um 50 auf 200 er­höht wurden.

Aber der An­trag steht als Haus­halts­an­trag auf der Ta­ges­ord­nung des Aus­schus­ses für Staats­haus­halt und Fi­nanz­fra­gen am kom­men­den Mitt­woch 3. März zur Beratung.

 

An­trag IV: För­de­rung der Be­schäf­ti­gung von Men­schen mit Be­hin­de­rung im öf­fent­li­chen Dienst – Be­hin­der­ten­ge­rech­te Aus­stat­tung der Arbeitsplätze

Mit die­sem An­trag for­dern wir zen­tra­le An­sät­ze für die Ver­bu­chung von Aus­ga­be­mit­teln für die Aus­stat­tung der Ar­beits­plät­ze, wie z. B. Mo­bi­li­ar und Hard- und Soft­ware. Da­bei ori­en­tie­ren wir uns an der Ein­füh­rung sol­cher zen­tra­ler An­sät­ze für Auf­trä­ge der ein­zel­nen Res­sorts an Werk­stät­ten für be­hin­der­te Men­schen und In­klu­si­ons­be­trie­be, die seit de­ren Ein­füh­rung 2017 im Be­schäf­ti­gungs­be­richt als Er­folgs­mo­dell her­vor­ge­ho­ben wer­den. Al­ler­dings wur­den die­ses Mit­tel aus den Be­schaf­fungs­etats ab­ge­zweigt. Wir wol­len zu­sätz­li­che Mit­tel be­reit stel­len. Das ha­ben wir mit ent­spre­chen­den Haus­halts­an­trä­gen für al­le 14 Res­sorts un­ter­legt, die aber in den bis­he­ri­gen Be­ra­tun­gen des Haus­halts­aus­schus­ses von den Re­gie­rungs­frak­tio­nen al­le ab­ge­lehnt wurden.

An­ek­do­te am Ran­de: In der Aus­spra­che des Be­schäf­ti­gungs­be­richts 2018 am 4. Fe­bru­ar 2020 sag­te CSU-Ab­ge­ord­ne­ter Al­fred Grob: „Wo dies mög­lich sei, wer­de auch bei der öf­fent­li­chen Hand ver­sucht, Schwer­be­hin­der­te ein­zu­stel­len. Auch beim Schreib­dienst der Po­li­zei wer­de stark auf be­hin­der­te Men­schen zu­rück­ge­grif­fen. Hier sei­en bes­te Er­fah­run­gen mit die­sen äu­ßerst mo­ti­vier­ten Mit­ar­bei­tern ge­macht wor­den. Das Pro­blem der Kos­ten­über­nah­me be­stehe nicht nur an Schu­len, son­dern auch bei den Dienst­stel­len der Po­li­zei. Son­der­aus­stat­tun­gen blie­ben an der bud­ge­tier­ten Dienst­stel­le, al­so an der ein­zel­nen In­spek­ti­on hän­gen. Als Lö­sung wer­de vor­ge­schla­gen, pro Be­hör­den­or­ga­ni­sa­ti­on ei­nen Etat im Mi­nis­te­ri­um zu schaf­fen, um im Ein­zel­fall dar­auf zu­grei­fen zu kön­nen.“ Die­sen Diens­tag schwieg Herr Grob.

 

An­trag V: Bar­rie­re­freie In­for­ma­ti­ons­tech­nik voranbringen

Wir for­dern die ra­sche be­hör­den­wei­te Aus­stat­tung mit und An­wen­dung von bar­rie­re­frei­er In­for­ma­ti­ons­tech­nik so­wie die Ver­an­ke­rung die­ser Ziel­set­zung im Baye­ri­schen Be­hin­der­ten­gleich­stel­lungs­ge­setz. Der An­trag war nicht nur ei­nem Red­ner (kein Feh­ler) „zu de­tail­liert“. Um die dro­hen­de Ab­leh­nung ab­zu­wen­den ha­ben wir un­se­ren An­trag in ei­nen Be­richts­an­trag ab­ge­än­dert, der dann ein­stim­mi­ge Zu­stim­mung fand.

So­lan­ge es nichts kos­tet und Han­deln nicht be­schlos­sen ist sind die die Re­gie­rung tra­gen­den Par­tei­en noch da­für. Beschämend.

 

Un­se­re An­trä­ge zum Download

 

Verwandte Artikel